Stiftung Biografie Willy Brandt Ausstellung Projekte
Startseite
 
Aktuelles
Berliner Ausgabe
Politische Bildung
Publikationen
Willy-Brandt-Preis
Förderung Praktika
Newsletter
Willy-Brandt-Haus
  Lübeck
Expertendienst
 
 
 
Presse
Impressum
Kontakt
Links
English

Abschiedsrede von Willy Brandt auf dem Kongress der Sozialistischen Internationale in Berlin am 15. September 1992 (verlesen von Hans-Jochen Vogel)

Liebe Freunde,

muß ich sagen, wie gern ich gerade dieser Tage unter Euch gewesen wäre? Es sollte nicht sein. Und so grüße ich Euch auf diesem Wege.

Muß ich sagen, mit wieviel Freude und Stolz es mich erfüllt, Euch in Berlin zu wissen? Zahlreiche Stätten der neuen Demokratien wären würdige Tagungsorte gewesen. Doch warum nicht einräumen: Es hat mir viel bedeutet, als Felipe Gonzales Berlin vorschlug. Und warum nicht hinzufügen: Ich fand, daß – wenn schon Berlin – wir im Reichstag zusammenkommen sollten. Jenem Ort in Deutschland, an dem es so oft um Krieg und Frieden in Europa ging. Jenem Ort auch, an dem so viel von Freiheit und Knechtschaft die Rede war.

Ich hatte vor geraumer Zeit gebeten, die Führung unserer Internationale in jüngere Hände zu legen. Denn sechzehn Jahre an ihrer Spitze zu stehen, hielt ich für eine lange Zeit. Doch was sind in der Jahrhunderttradition, in der wir stehen, anderthalb Jahrzehnte? Immerhin, in dieser kurzen Spanne haben sich diese Stadt, dieses Land, dieser Kontinent verändert. Mehr noch – die Welt ist nicht mehr die, die sie 1976 war, als ich in Genf dieses Amt übernahm.

Den Frieden sichern, das war nicht unser einziges, aber doch unser erstes Anliegen. Jenen Frieden zwischen zwei Blöcken, die atomar gerüstet waren und die wir für festgefügt hielten. Jenen Frieden, der unverzichtbar war, um Freiheit möglich zu machen. Heute, nur anderthalb Jahrzehnte später, sorgen wir uns nicht mehr, den einen Frieden zu bewahren. Wir sorgen uns, an vielen Orten dieser weithin befreiten und doch so unruhigen Welt Frieden überhaupt erst wiederherzustellen.

Die Parteien, die sich in unserer Gemeinschaft zusammengefunden haben, sind ihrem Land und sie sind der Welt verpflichtet – dem Teil und dem Ganzen. Daß wir über Europa hinausgegriffen haben und eine wahrhaft weltweite, Gemeinschaft geworden sind, ist meine – unsere – besondere Genugtuung. Aber die Zahl unserer Mitglieder und die Zahl derer, die es werden möchten, sind nicht Wert an sich, sondern Verpflichtung.

Wo immer schweres Leid über die Menschen gebracht wird, geht es uns alle an. Vergeßt auch nicht: Wer Unrecht lange geschehen läßt, bahnt dem nächsten den Weg. Die Vereinten Nationen zu stärken, ist uns ein altes und vertrautes Bestreben. Jetzt, da sich Fortschritt abzeichnet und den UN wenn nicht Macht, so doch Einfluß zuwächst, lohnt es, eine große Anstrengung zu machen. Helfen wir, den Vereinten Nationen die Mittel zu geben, derer sie bedürfen, um Einfluß auch ausüben zu können.

Auch nach der Epochenwende 1989 und 1990 konnte die Welt nicht nur „gut“ werden. Unsere Zeit allerdings steckt, wie kaum eine andere zuvor, voller Möglichkeiten – zum Guten und zum Bösen.

Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, daß jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.

Ich danke allen, die geholfen haben. Mögen Eure Beratungen fruchtbar werden. Meinem Nachfolger wünsche ich eine starke und, so möglich, glückliche Hand.

 

 



 
Presse Impressum Kontakt Links English