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Ansprache des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aus Anlass des 75. Geburtstages von Willy Brandt

I

Unser heutiges Beisammensein ist ein ganz außergewöhnliches Ereignis für dieses Haus. Aus Ost und West und Nord und Süd haben sich Persönlichkeiten eingefunden, die höchste politische Verantwortung tragen. Sie sind hier, um gemeinsam mit uns Deutschen einen der Unsrigen, Willy Brandt, aus Anlass seines fünfundsiebzigsten Geburtstages zu feiern.

Zuallererst heiße ich im Namen meiner Landsleute unsere ausländischen Gäste herzlich willkommen, die Staatsoberhäupter, die Regierungschefs und die anderen verantwortlichen Persönlichkeiten. Ich danke Ihnen, dass Sie die Einladung angenommen haben. Hierin schließe ich Jiri Hajek ein, der kommen wollte, aber nicht durfte. Sie haben zum Teil weite Wege zurückgelegt, um Ihren Glückwunsch und Respekt für Willy Brandt zu bezeugen.

Sie ehren damit ihn, und Sie ehren unser Land. Sie bekräftigen durch Ihre Teilnahme die außerordentliche Bedeutung, die auch für Ihre Völker mit dem Wesen und Wirken dieses Mannes verbunden ist. Sein illusionsfreier fester Friedenswille, sein Mut und seine Humanität haben ihn zu einer der großen Leitfiguren in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht.

Links und frei, so nannten Sie, lieber Herr Brandt, Ihr wohl persönlichstes Buch. Das ist ein aufrichtiges und glaubwürdiges Bekenntnis. Aber das hat Sie nie daran gehindert, offen zu sein für neue politische, soziale und geistige Bewegungen, allen ideologischen Abgrenzungen zu misstrauen, die Menschen zusammenzuführen.

In diesem Sinne danke ich Ihnen für die hier versammelte Runde Ihrer und unserer Freunde. Es ist das ganz persönliche Verdienst Ihres Lebens und Wesens, das uns heute in diesem Kreis aus allen Himmelsrichtungen, politischen Systemen und Parteien vereint. Ihnen zu Ehren gedacht, ist dies ein großer Tag für uns.

Geburtstagspolitik hat einer diese Zusammenkunft genannt. Er mag es tun, wenn er es recht versteht: Wir wollen die Stimme von Willy Brandt ernst nehmen; deshalb fließen die Feier für sein Werk und verantwortliche Gedanken für die Zukunft ganz von selbst ineinander.

Es ist nicht mein Lebensweg, der mich besonders legitimierte, über den Ihrigen zu sprechen. Unter meinen Gästen sind viele alte Gefährten von Ihnen, die dazu ein besseres Recht hätten. Es ist aber die Sache meines Amtes und meines Herzens auszudrücken, warum Ihnen unser Volk Dank und hohe Achtung schuldet.


II


Ganz jung hatten Sie sich politisch engagiert. So mussten Sie bereits im Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft aus Deutschland fliehen, um der Verfolgung zu entgehen.

Diesem harten Los stand die gute und inspirierende Atmosphäre der skandinavischen Demokratie gegenüber, die Sie aufnahm. Es ist immer wieder ein Gewinn, sich mit der drängenden Suche der Skandinavier nach einem freien, menschenwürdigen, gerechten, die Minderheiten schützenden Zusammenleben zu beschäftigen. Kritik, Ernüchterung und Rückschläge bleiben dabei nicht aus. Dennoch wird mit stets neuer Phantasie, mit Wagemut und Vernunft um Reformen gerungen, um einem wahrhaft solidarischen Gemeinwesen näher zu kommen. Was Ihnen vor Augen steht, ist keine abstrakte Geschichtskonstruktion, sondern ein humanes Bild vom Menschen.

Man glaube zu spüren, wie stark solche skandinavischen Impulse bei Willy Brandt wirksam geblieben sind. Seine unvergessene erste Regierungserklärung als Bundeskanzler im Herbst 1969 zeugt davon.

Sie war getragen von einer beinahe jugendbewegten Aufbruchstimmung. Ihr Anspruch war gewaltig. Nicht weniger heftig war begreiflicherweise der Streit, den sie auslöste. Denn welche demokratische Opposition, die gerade zwanzig Regierungsjahre hinter sich hatte, ließe sich widerspruchslos bieten, dass es jetzt erst richtig losginge mit der Demokratie?

Aber geschadet hat es doch noch nie, darum zu ringen, wie wir „mehr Demokratie wagen“ können. Es wurde eine belebende und fruchtbare Auseinandersetzung für die ganze Gesellschaft, und unser Gemeinwesen hat sich dabei durchaus bewährt.


III


Die Außenpolitik wurde der Schwerpunkt der Tätigkeit von Willy Brandt. Seine Erfahrung, seine Leidenschaft und sein Gewissen wiesen ihm diesen Weg. Hier hat er seine große Aufgabe gefunden und erfüllt. Hier ist sein Lebensweg zu einem historischen Leben geworden.

Als einer der wenigen, die nicht nur jugendliche Kraft und Integrität besaßen, sondern auch schon welterfahren und weltläufig waren, ging er alsbald nach dem Krieg in Berlin an die Arbeit. Es ist die Stadt, die durch alle Krisen hindurch und in die Zukunft hinein die Kraft der Freiheit mit dem Willen zum Frieden beispielhaft verknüpft. Ein Jahrzehnt war Willy Brandt ihr Bürgermeister.

In der Mitte seiner Amtszeit lag der Mauerbau. Damals reiften in ihm die ersten Konturen der Ostpolitik, die sich inzwischen untrennbar mit seinem Namen verbunden hat.

Es ging Ihnen um die Erkenntnis, dass uns Deutschen niemand die Verantwortung abnehmen kann, uns auch im Osten um unsere Interessen stärker selbst zu kümmern. Aus Ihrer Einsicht in die Realitäten forderten Sie, dass wir uns von Positionen befreien sollen, die Sie als Fesseln empfanden. Der Streit darüber war im ganzen Volk leidenschaftlich und schmerzhaft. Er musste es sein, alles andere wäre im Angesicht der tiefen menschlichen und geschichtlichen Wurzeln der Sache nicht ehrlich gewesen.

Am Ende war die Auseinandersetzung dem ernsten Gegenstande würdig und heilsam. Der Aussöhnung mit dem Westen, die Konrad Adenauer zustande gebracht hatte, stellten Sie die Verständigung mit dem Osten an die Seite.

Das Neue war keine Ablösung des Alten. Ganz im Gegenteil: Es war die feste Verankerung im Westen, die Ihnen die Möglichkeit zur neuen Ostpolitik gab und die Sie nutzten.
Aus den beiden Teilen ist ein zusammengehörendes Ganzes geworden, das seither nicht mehr ernsthaft umstritten ist – ein kostbares Allgemeingut. Es hat das Gewicht unseres Landes gestärkt und sein Ansehen erhöht. Im unheilvollen Zustand der Teilung hat es den Menschen in Ost und West gedient.

Vor allem die Landsleute im anderen deutschen Staat haben es Ihnen gedankt. Der KSZE-Prozess baut darauf auf. Er bestimmt unsere heutige Tagesordnung auf dem mühsamen, aber doch nicht mehr ganz unsichtbaren Weg zu einer europäischen Friedensordnung.

Es waren indessen nicht die beharrliche politische Arbeit und die Verträge allein, die Ihren Namen um die Welt gehen ließen. Ihnen wuchs eine persönliche Autorität zu, weil hinter der harten Politik das menschliche Empfinden spürbar war. Es ist Ihnen nie um Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gegangen. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich. Aber das Ausmaß von Leid und Schuld hatte alles , was Menschen begreifen können, hinter sich gelassen. Übriggeblieben war ein Verstummen, aber auch eine unermessliche Verantwortung der später Aktiven für die Folgen.

In ganz persönlicher Weise nahmen Sie sich auf sich. Wie Sie als unser Kanzler am Eingang zum Warschauer Ghetto Abbitte taten, das war wie das Zeichen eines Fremdlings unter den Mächtigen. Ein tiefes Menschengefühl wurde zum Ausdruck eines Regierenden. Niemand hatte es erwartet. Keiner hat es vergessen. Es hat die Dinge verändert. Es hat den Völkern einen neuen Weg geöffent.


IV


Macht ist Ihnen zugewachsen, freilich nicht auf die übliche funktionale Weise, sondern eher als einem eigenwilligen und nachdenklichen Einzelgänger.

An absolute Wahrheiten haben Sie nie geglaubt, wohl aber an die Chance für Andersdenkende und an die produktive Kraft des Zweifels. „Er ist stark genug“, so sagten Sie, „versteinertes Unrecht aufzubrechen. Er ist zäh genug, um Niederlagen zu überdauern und Sieger zu ernüchtern.“

Aber Regieren verlangt doch Entscheidungen. Sind dafür nicht einfache Weltbilder vonnöten? Sind abwägende Zweifel und differenziertes Denken nicht Zeichen der Schwäche?

Und wird nicht die Öffentlichkeit durch die Vorherrschaft der Schlagzeilen und der Dreißig-Sekunden-Statements am Fernsehen dazu erzogen, so zu denken?

Es ist wahr, dass die Menschen unter solchen Einflüssen stehen. Aber auf die Dauer erkennen sie dank ihrer eigenen Lebenserfahrung die Komplexität der Wirklichkeit. Sie lernen, den extemporierten Patentrezepten und Schwarz-Weiß-Malern zu misstrauen, den Kraftproben derer, die immer alles schon im Griff haben, der Machtdemonstration der Selbstsicherheit.

Willy Brandt wusste sehr wohl, dass gehandelt werden muss. In seiner Ostpolitik hat er es vom ersten Tage seiner Kanzlerschaft an getan. Aber glatte Fassaden hat er nie vorgetäuscht. Er sprach keine sogenannten Machtworte und spielte nicht den Entscheidungshelden. Nicht selten zögerte er, bevor er zupackte. Und wenn er sich seiner Sache nicht sicher war, was durchaus vorkam, dann verbarg er es nicht. Das ist keine Schwäche, sondern gewissenhaft und aufgeklärte Verantwortung.

Es ist Bereitschaft, neue Einsichten zu gewinnen, Irrtümer einzusehen und dafür einzustehen, dass wir nur allzu oft keine Lösung wissen. Wie sollte es auch anders sein im Angesicht von tief verwurzelten Feindschaften, von Hunger und Not in der Welt, von der schwer beschädigten Natur und von Entwicklungen der Wissenschaft und Technik, die der Mensch initiiert hat und die sich nun zu verselbständigen drohen?

Was belastet einen nachdenklichen Politiker mehr als die tägliche Frage, wie man gegenüber solchen Fragen seiner Verantwortung gerecht werden kann?

Willy Brandt hat es stets so empfunden; die Menschen haben es ihm angespürt und ihm deshalb geglaubt, vor allem die Jugend. Sie tun es um so mehr, als er sich nie durch Probleme hat entmutigen lassen, sondern sie als Ansporn für seine Visionen von mehr Humanität und Frieden und als Motor für die Veränderungen im Alltag verstanden hat. So hat er es als Außenminister und Kanzler, als Vorsitzender seiner Partei, der Sozialistische Internationale und der Nord-Süd-Kommission gehalten.

Er empfindet Mitleidenschaft und bringt sie uns nahe. Ganz persönlich stand er vielen Menschen in schweren Stunden zur Seite. Vielen, die unter Zwang lebten, verhalf er ohne laute Proklamationen zu Freiheit, Recht und neuen, gerechteren Lebenschancen. Mehr als einer der heute hier anwesenden Gäste hat es am eigenen Leibe erfahren und ist ihm dafür dankbar.


V


Ihre Lebensgeschichte, Herr Brandt, ist ein deutsches Schicksal dieses Jahrhunderts, in seinen Kriegen und im Frieden, zu Hause und in der Fremde, unter Zwang und in der Freiheit. Zugleich ist es Ihr ganz eigenes Schicksal, ein Leben voller Risiken der Existenz, geprägt von gutem Gelingen, harten Rückschlägen und neuen Ufern. Sie waren schmähenden Angriffen ausgesetzt, und eine Elefantenhaut haben Sie nicht. Aber Sie haben eher leise reagiert, im Herzen souverän.

Voller Neugier sind Sie lebenslang unterwegs, zum geistigen Wandel bereit. Den jungen kritischen Generationen sind sie stets zugehörig – aktiv in Ihrer eigenen Jugend, später als ihr ihnen zugewandter, aber nun selbst nicht unkritischer Anwalt.

Ihnen ist in der Politik etwas ganz Seltenes gelungen: In Ihrer Person haben Sie die Spannung zwischen Macht und Moral aufgehoben. Es gibt keine politische Verantwortung ohne Macht. Moral ohne Macht löst die Probleme nicht. Sie wird zur Ideologie, sie verurteilt, anstatt zu helfen. Macht ohne Moral läuft sich tot, denn sie findet kein Vertrauen. Sie haben Vertrauen gefunden und genutzt.

Bei Ihnen ist das humane Wesen nie verborgen geblieben: vom ernstem Willen geprägt und stets zum Lachen bereit; ein geselliger und zugleich gesammelter Zuhörer; geistig konzentriert, aber ohne die Selbstdisziplin zu übertreiben; voller Mitgefühl und Wärme, aber zur Härte fähig; allem Zweifel zum Trotz immer wieder zuversichtlich und kampfbereit; im vorgerückten Alter frisch und mit sich im reinen.

Wir haben Grund, uns als Deutsche zu freuen, Ihnen zu danken, Sie mit unseren ausländischen Gästen zu feiern und Ihnen zusammen mit Ihrer charakterstarken Frau eine glückliche und erfüllte Zeit zu wünschen.

 

 



 
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