Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Die Unterzeichnung des Vertrages zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland ist ein wichtiger Augenblick in unserer Nachkriegsgeschichte.
Fünfundzwanzig Jahre nach der Kapitulation des von Hitler zerstörten Deutschen Reiches, und fünfzehn Jahre, nachdem Konrad Adenauer hier in Moskau die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vereinbart hatte, ist es an der Zeit, unser Verhältnis zum Osten neu zu begründen – und zwar auf dem uneingeschränkten gegenseitigen Verzicht auf Gewalt, ausgehend von der politischen Lage, wie sie in Europa besteht.
Mit der Arbeit an diesem Vertrag hat die Bundesregierung eine Aufgabe erfüllt, die sie sich in ihrer Regierungserklärung selbst stellte.
Darin heißt es:
„Unser nationales Interesse erlaubt es nicht, zwischen dem Osten und dem Westen zu stehen. Unser Land braucht die Zusammenarbeit und die Abstimmung mit dem Westen und die Verständigung mit dem Osten. Das deutsche Volk braucht den Frieden im vollen Sinne dieses Wortes auch mit den Völkern der Sowjetunion und allen Völkern des europäischen Ostens.“
Dies war und dies ist unsere Richtlinie, und diesem Friedenswerk dient der Vertrag.
Ich weiß mich frei von Wunschdenken – wie die meisten unter ihnen. Dieses Jahrhundert – von Blut und Tränen und harter Arbeit gezeichnet – hat uns Nüchternheit gelehrt. Diese Nüchternheit hat sich gerade dann zu bewähren, wenn wir Zeugen und Partner geschichtlicher Wandlungen sind. Sie dürfen wir auch dann nicht preisgeben, wenn wir Anlaß zu Genugtuung und neuer Hoffnung haben, wenn wir – ich scheue das Wort nicht – mit gutem Recht von einem Erfolg sprechen können.
Und dieser Vertrag mit der Sowjetunion ist ein Erfolg deutscher Nachkriegspolitik.
Er ist ein entscheidender Schritt, um unsere Beziehungen zur Sowjetunion und zu unseren östlichen Nachbarn zu verbessern – ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe, die von den Völkern, im Osten noch mehr als im Westen, unsägliche Opfer gefordert hat.
Es entspricht dem Interesse des ganzen deutschen Volkes, die Beziehungen gerade zur Sowjetunion zu verbessern. Sie ist nicht nur eine der großen Weltmächte – sie trägt auch ihren Teil der besonderen Verantwortung für Deutschland als Ganzes und für Berlin.
Morgen sind es neun Jahre her, daß die Mauer gebaut wurde. Heute haben wir, so hoffe ich zuversichtlich, einen Anfang gesetzt, damit der Zerklüftung entgegengewirkt wird, damit Menschen nicht mehr im Stacheldraht sterben müssen, bis die Teilung unseres Volkes eines Tages hoffentlich überwunden werden kann.
Europa endet weder an der Elbe noch an der polnischen Ostgrenze. Rußland ist unlösbar in die europäische Geschichte verflochten, nicht nur als Gegner und Gefahr, sondern auch als Partner – historisch, politisch, kulturell und ökonomisch.
Nur wenn wir in Westeuropa diese Partnerschaft ins Auge fassen und nur wenn die Völker Osteuropas dies auch sehen, können wir zu einem Ausgleich der Interessen kommen.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, mit diesem Vertrag geht nichts verloren, was nicht längst verspielt worden war. Wir haben den Mut, ein neues Blatt in der Geschichte aufzuschlagen. Die soll vor allem der jungen Generation zugute kommen, die im Frieden und ohne Mitverantwortung für die Vergangenheit aufgewachsen ist und die Folgen des Krieges mittragen muß, weil niemand der Geschichte dieses Volkes entfliehen kann.
Dieser Vertrag beeinträchtigt in keiner Weise die feste Verankerung der Bundesrepublik und ihrer freien Gesellschaft im Bündnis des Westens. Die zuverlässige Partnerschaft mit Amerika bleibt ebenso gewahrt wie die Aussöhnung mit Frankreich. Es bleibt auch bei dem beharrlichen Willen, immer mehr Staaten Europas mit dem Ziel einer politischen Gemeinschaft immer enger aneinander zu binden.
Der Vertrag gefährdet nichts und niemanden. Er soll mithelfen, den Weg nach vorn zu öffnen. Wenn er dies tut, dann wird er dem Frieden, Europa und uns allen nützen.