Willy Brandt w Berliner Ausgabe wBand 1
"Hitler ist nicht Deutschland. Jugend in Lübeck – Exil in Norwegen 1928 bis 1949"
Anmerkungen von Björn Engholm, Lübeck
A. Lebensverläufe 1913-1940
1. Brandt wird am 18. Dezember 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren. Er wächst bei seinem Großvater in äußerst bescheidenen Verhältnissen auf, wird jedoch von diesem (einem gewerkschaftsaktiven und sozialdemokratischen Parteigruppenvorsitzenden) von früher Jugend an mit der politischen Welt vertraut gemacht.
- Mit neun Jahren Mitglied in der Arbeiter-Turner-Kindergruppe und dem Arbeiter-Mandolinen-Club;
- mit 14 Mitgliedschaft bei den „Roten Falken“; mit 15 bei der SAJ;
- mit 16 SPD-Mitglied und mit 17 Stellvertretender Bezirksvorsitzender der SAJ ...
2. Durch Vermittlung eines Freiplatzes besucht Brandt das bürgerlich-semiliberale Johanneum, setzt sich in der ihm fremden gymnasialen Welt selbstbewusst durch (gilt als „der Politiker“) – und macht ein humanistisches Abitur.
3. Schon vor Beginn seiner SPD-Mitgliedschaft beginnt er, die SPD zu kritisieren. Er wirft ihr vor, den aufkommenden Ungeist des Nationalsozialismus zu unterschätzen: Sie begnüge sich mit dem Status des „kleineren Übels“; ignoriere die demokratische Brüchigkeit der Weimarer Republik; sei überdies behäbig und absolut fern von den Interessen der Jugend ....
Als 1931 die SAP gegründet wird, tritt Brandt bei – und erlebt die Uneinigkeit der Arbeiterklasse: Der SPD gilt die SAP als kommunistisch, der KPD als sozialfaschistisch ...
4. Nach der Machtübernahme beschließt die SAP angesichts der „Kapitulation“ und des „Versagens“ von SPD und KPD, Widerstand aus der Illegalität zu leisten. Auf Beschluss des Vorstandes soll Paul Frölich in
Norwegen einen Stützpunkt bilden. Als Frölich verhaftet wird, tritt der 20-jährige Brandt, nach dem bereits gefahndet wird, an seine Stelle. Im April 33 gelangt Brandt über Dänemark ins norwegische Exil.
5. Norwegen ist zu jener Zeit von Krisen gezeichnet: Arbeitslosenquote 35%, desillusionierte Jugend; eine an Boden gewinnende Quisling-Bewegung; nationalistische Tendenzen in der Verwaltung; Ausforschung von Flüchtlingen; Gefahr der Ausweisung (der Brandt nur durch mehrfache Intervention des Arbeiterpartei-Vorsitzenden Torp entgeht) ...
Brandt wird Journalist beim „Arbeiderbladet“ und schreibt für die gesamte norwegische und weitere skandinavische Linkspresse. Er verkörpert publizistisch „das andere Deutschland“. Ein durchgängiger Tenor seiner Artikel lautet: „Hitler ist nicht Deutschland“.
6. Als durch und durch politischer Kopf verwickelt sich Brandt bald in Konflikte mit der Norwegischen Arbeiterpartei (DANN). Er misst die nordisch-pragmatische Partei mit den dogmatischen Ansprüchen der SAP; verurteilt ihren „Reformismus“ (der sie nicht gegen den Faschismus immunisiere); kokettiert mit Mot Dag (einer aus der DNA angeschlossene linken Intellektuellengruppe); denkt an Spaltung der DNA ..... Viele seiner unbedachten und irritierenden Äußerungen sind nur zu erklären auf dem Hintergrund der deutschen Erfahrungen: Was nicht dezidiert antifaschistisch und auf Einheit der linken Politik gerichtet ist, erscheint ihm als Anfang vom Ende.
7. Als 1935 die Arbeiterpartei die Regierung in Oslo übernimmt, vollzieht sich ein Wandel. Brandt verteidigt die Regierung gegen den Protest der SAP und anderer Linksgruppen. Er rückt sukzessive von dogmatischen Positionen ab – und begreift, dass den Menschen praktische soziale Veränderungen mehr helfen als blanke Oppositionsrhetorik und Gruppenzwiste: Er bekennt sich zum demokratischen Parlamentarismus.
8. Während seines norwegischen Exils erfüllt Brandt zwei bedeutende Aufträge der SAP:
- im Oktober 1936 reist er (als norwegischer Student Gunnar Gaasland) nach Berlin, um die Widerstandsgruppen zu stärken;
- und 1937 versucht er in Spanien, eine gemeinsame Haltung der linken republikanischen Kräfte gegen Franco durchzusetzen (und gerät in der Strudel der kommunistischen Trotzkistenjagd, SAP-interner und POUM-Querelen).
9. Nach seiner Rückkehr nach Norwegen ist Brandt weiter gereift. Er durchschaut die Nutzlosigkeit der Flügelkämpfe, die kaum verhüllten Machtgelüste, die in dem Extremen verborgene Menschenverachtung, er versöhnt sich mit der DNA, übernimmt Führungsaufgaben bei deren Jugendorganisation; er publiziert in Serie (über Deutschland, Europa und internationale Ereignisse); er ist mehrsprachig und belesen. Mit 24/25 Jahren ist er ein international denkender, hoch befähigter und anerkannter demokratischer Sozialist.
10. Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen im April 1940 flieht Brandt zunächst an die Westküste. Als der norwegische Widerstand zusammenbricht, tarnt sich Brandt als norwegischer Soldat, begibt sich in Gefangenschaft, wird entlassen – und flieht im Juni 1940 nach Schweden.
B. Prägungen - Stationen der Sozialisation
1. Die frühe familiär-soziale Situation.
Brandt wuchs im Arbeitermilieu unter bescheidensten Umständen auf – und er war ein „Unehelicher“. Was beides bedeutete, in den Krisenjahren der 1. Republik und im bürgerlichen Lübeck, lässt sich heute kaum ermessen. Sicher ist, dass hier die Wurzeln seiner frühen Reife und Eigenständigkeit zu suchen sind; die ausgeprägte „vitale Identität“ und seine Fähigkeit zu „compassion“ werden hier begründet.
2. Die frühen politischen Formungen
Arbeiterturner-Arbeitermusikclub-Falken-SAJ-SPD-SAP-politische Artikel im Lübecker Volksboten – Julius Leber als zeitweiliger Mentor: Brandt ist mit 18 Jahren ein ausgewachsener „homo politicus“. Er verfügt über eine ausgeprägte „existentielle Identität“ – das Bewusstsein um die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen und die Überzeugung, selbst dazu berufen und fähig zu sein.
3. Die gymnasiale Bildung und Erziehung
So fremd ihm das bürgerliche Johanneum in Lübeck gewesen sein muß, so sehr hat er von ihm profitiert (was nur wenigen Arbeiterkindern vergönnt war). Seine kritische Auseinandersetzung mit dem Schulinstitut im Abitursaufsatz fällt denn auch erstaunlich differenziert aus: er gipfelt in er Frage, ob die Schule dazu da sei, Menschen der Wissenschaft oder Menschen des Lebens zu erziehen (durchaus aktuell angesichts der PISA-Studie). Fakt scheint: die gymnasiale Bildung hat Brandts Humanismus mit begründet.
4. Lübeck als geistige Lebensform“
Lübeck sei nicht die „allererste“ unter den deutschen Städten gewesen, wenn es um zweckfreien Geist und Kultur gegangen sei, schreibt der nicht mit W. Brandt verwandte A.v. Brandt 1954. Und wer die Wege von T. und H. Mann, von G. Radbruch oder E. Mühsam verfolgt, wird dem nicht widersprechen.
Dennoch fühlte sich Brandt (wie auch T. Mann) von dieser Stadt immer wieder angezogen. Er war sich der großen historischen Rolle Lübecks in der Hanse, ihrer frühen wirtschaftlichen Innovation und vor allem ihrer nordischen Offenheit bewusst. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die historische Bewusstheit Brandts hier Nahrung fand.
5. Die skandinavische Lebensart: das Zivile
Völlig fraglos hat Willy Brandt die nachhaltigste Prägung in Norwegen erhalten, das ihm nach der Nazifizierung Deutschlands zur Heimat wurde. Hier fand er liberale Zivilität (das Gegenteil zum falschen Preußentum in Deutschland); hier erfuhr er ganz originäre Sozialität; hier lernte er Wege zur pragmatischen Reformpolitik; hier gründen seine Überzeugungen von moderner Sozialdemokratie. Die Zuneigung zu Norwegen, zur nordisch-zivilen Lebensart, zur undogmatischen skandinavischen Politik, zu kulturellen Sitten haben Brandt tiefer geprägt als alles andere: im Herzen blieb er bis zum Lebensende ein „Skandinavophiler“
C. „Lehren“, Merkposten, Anregungen
1. Willy Brandts politischer Weg macht deutlich: Es bedarf politischer Ziele und Visionen, um unbefriedigende Umstände zu ändern; es bedarf solcher „begriffener“ Hoffnungen (Bloch) auf Veränderung, um Menschen zu engagierter Mitarbeit zu bewegen. Der Verzicht auf „bessere“ Zukünfte mindert den Primat der Politik und reduziert politische Verantwortung auf die Verwaltung extern gesetzter Ziele.
2. Das gilt nicht abstrakt für „die Politik“ schlechthin, sondern für alle, die politische Verantwortung suchen oder tragen.
„Ohne Umwege über den Linkssozialismus wäre ich kaum der geworden, der ich bin“, sagt Brandt in seinen „Erinnerungen“ 1989. Das erinnert an den Juso-Spruch: Wer mit 20 nicht revolutionär, ist mit 50 reaktionär.
Praktisch meint das: Wer schon in jungen Jahren auf Anpassung setzt, sich zum „flexiblen Menschen“ (Sennett) trimmt, auf Inszenierung mehr achtet denn auf Ziele und Inhalte, mag nützlich sein und funktionabel – bewegen (wie Brandt) wird er wenig.
3. Noch eins macht Brandts Leben extrem deutlich: die Überlebensfähigkeit einer Polis hängt am Ende ab von ihrer Fähigkeit zu Toleranz. Jede Verunglimpfung des politischen Kontrahenten (wie Brandt sie bitter erfuhr); jede Stempelung des Gegners zum Feind; alle Missachtung anderer Nationen, Kulturen und Hautfarben; jede Form von Rassismus und Chauvinismus: sie ignorieren die Würde des Menschen. Darauf sollte in unseren Tagen – in Erinnerung der Lebensstationen Brandts – sorgfältig geachtet werden.
4. Schließlich, nicht endlich: Brandt war ein Ästhet, und zwar im Sinne der griechischen „aisthesis“. Er besaß eine ausgeprägte sinnliche Wahrnehmung, wusste Kultur und Künste zu schätzen und achten – und war den sinnlichen Genüssen nicht abhold. Er wusste um den Wert des zweckfreien Geistes und lebendiger Kultur! Sich von seinem Leben anregen lassen, heißt auch, der Kultur in Zeiten der Ökonomie Schneisen schlagen, sie als Lebenselixier begreifen und nicht auf den Status eines Standortfaktors zu reduzieren.
Fazit: Wenn es ein zentrales Motiv in Brandts Denken und Politik gab, war es seine feste und praktische Vorstellung von der Würde des Menschen. Diese Vorstellung von Würde war ein Produkt aus Erfahrung, Erleiden, Erlernen und ethischer Überzeugung – und es galt ihm als unteilbar.
Frei sein, in Frieden leben, gerecht behandelt werden, ohne soziale Ängste leben können: das war seine Vorstellung von humaner Integrität. Daraus zu lernen, ist in keiner Weise überholt.