1. Mai
|
© AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung Willy Brandt während seiner Rede auf dem Platz der Republik |
Seit dem Existenz bedrohenden Chruschtschow-Ultimatum im November 1958 kommen die West-Berliner am 1. Mai zusammen, um für ihre Freiheit zu demonstrieren. Kamen 1959, 30 Tage vor Ablauf des Ultimatums, 550.000 Menschen, so sind es am 1. Mai 1960 sogar 750.000, die dem Aufruf Willy Brandts zu einer Freiheitskundgebung auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude folgen. Die größte Demonstration in der Geschichte Berlins.
Der Regierende Bürgermeister erklärt in seiner Rede: „Wir sind nicht zusammengekommen, um uns zu entschuldigen, sondern ... um Anklage zu erheben. Leidenschaftliche Anklage gegen den Druck, gegen die Erpressungen, gegen die Verbrechen in der Zone! Und wir warnen die Gauleiter drüben: Überspannt den Bogen nicht! Recht und Gerechtigkeit haben sich noch niemals auf die Dauer unterdrücken lassen!“
Gleichzeit findet auf dem Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin die jährliche Mai-Parade unter dem Motto „1. Mai 1960 – der Sozialismus siegt“ statt. Unter dem „Marschtritt befohlener Kolonnen“ (Willy Brandt) ziehen neben sämtlichen Waffengattungen der NVA über 250.000 Menschen an der Ehrentribüne der Staats- und Parteiführung der DDR vorbei.
Die westlichen Stadtkommandanten werden am nächsten Tag die militaristische Kundgebung in Ost-Berlin als mit dem Vier-Mächte-Status unvereinbar kritisieren und auf den Widerspruch zu dem von der Sowjetunion geäußerten Wunsch nach einer Minderung der Spannungen hinweisen.