Heißer Herbst
Willy Brandts Politik gilt als Synonym für Friedenspolitik. Auch nach seinem Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers setzt Brandt seine Bemühungen um den Frieden in der Welt fort. Willy Brandt fordert ohne Wenn und Aber: Krieg darf kein Mittel der Politik sein. Friedenspolitik dürfe nicht nur zum Ziel haben, Kriege zu begrenzen, sondern sie ganz abzuschaffen.
Willy Brandt beobachtet mit großer Sorge, wie sich das Verhältnis zwischen Ost und West Ende der 70er Jahre verschlechtert. Die Phase der Entspannung zwischen den Machtblöcken scheint vorbei zu sein. Zwei Ursachen spielen hierbei eine besondere Rolle: Seit 1977 stellt die UdSSR Hunderte von neuartigen Mittelstreckenraketen (SS-20) auf, die - jede mit drei Sprengköpfen bestückt - gezielt die Länder Westeuropas bedrohen. Die westliche Allianz hat den sowjetischen Raketen zur militärischen Abschreckung keine gleichwertigen Waffensysteme entgegenzusetzen. Die Spannungen verschärfen sich, als im Dezember 1979 die Truppen der Roten Armee in das neutrale Afghanistan einmarschieren.
Willy Brandt verurteilt die Außenpolitik der UdSSR aufs schärfste. Gleichwohl rät er den politisch Verantwortlichen in den NATO-Staaten vor überstürztem Handeln ab. "Mit entscheidenden Bedenken" folgt Brandt dem sicherheitspolitischen Konzept seines Nachfolgers im Bundeskanzleramt, Helmut Schmidt. Schmidt schlägt der NATO die "Nachrüstung" mit eigenen Mittelstreckenraketen vor, um ein Gegengewicht zu den sowjetischen Waffensystemen zu schaffen. Ein entsprechender Beschluß - gekoppelt mit dem Angebot an die Sowjets, Abrüstungsverhandlungen über Mittelstreckenraketen aufzunehmen - wird durch die Außen- und Verteidigungsminister der NATO im Dezember 1979 gefaßt ("NATO-Doppelbeschluß").
Durch den NATO-Doppelbeschluß sieht Willy Brandt die Ziele seiner Entspannungs-, Friedens- und Abrüstungspolitik gefährdet. Über mehrere Jahre ziehen sich die Genfer Verhandlungen zwischen den USA und der UdSSR über die Zukunft der atomaren Mittelstreckenwaffen in Europa hin. Brandt wird zum Verfechter einer "doppelten Null-Lösung", die den Abbau aller Mittelstreckenraketen kürzerer und längerer Reichweite vorsieht.
In der Öffentlichkeit formiert sich gegen die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen "Pershing II" und "Cruise Missiles" - vorwiegend auf dem Gebiet der Bundesrepublik - heftiger Widerstand. Die Angst der Menschen vor einem Atomkrieg wächst. Die Gegner der Nachrüstung schließen sich in der "Friedensbewegung" zusammen, die ein breites Spektrum von Gruppen unterschiedlicher sozialer und politischer Orientierung umfaßt.
Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt fühlt sich zu Loyalität gegenüber Bundeskanzler Helmut Schmidt verpflichtet, der - im Fall des Scheiterns der Genfer Verhandlungen - für eine Stationierung der amerikanischen Raketen eintritt. Nur so könne die Glaubwürdigkeit der NATO gewahrt bleiben. Brandt ist bemüht, dem Bundeskanzler den Rücken zu stärken, und hält sich mit seiner Kritik an der Sicherheitspolitik zunächst zurück. Gleichwohl gerät Schmidt unter immer stärkeren innenpolitischen und innerparteilichen Druck.
In diese Zeit fällt auch eine schwerwiegende Krise der sozialliberalen Koalition, die im September 1982 vornehmlich wegen wirtschafts- und haushaltspolitischer Streitfragen auseinanderbricht. Die FDP entscheidet sich für einen Koalitionswechsel zur CDU/CSU. Bundeskanzler Helmut Schmidt wird am 1. Oktober 1982 durch ein konstruktives Mißtrauensvotum im Deutschen Bundestag gestürzt. An seiner Stelle wird Helmut Kohl (CDU) zum Bundeskanzler gewählt. Außenminister bleibt Hans-Dietrich Genscher (FDP).
Durch den Kanzlerwechsel in Bonn braucht Willy Brandt keine innenpolitische Rücksicht mehr auf die SPD-geführte Regierung zu nehmen. Am 13. September 1983 eröffnet Brandt vor der SPD-Bundestagsfraktion und der Öffentlichkeit, daß er von Anfang an Bedenken gegen den NATO-Doppelbeschluß gehabt hat. Im Oktober 1983 - im "heißen Herbst" in der Bundesrepublik - demonstrieren mehr als drei Millionen Menschen in Bonn gegen die amerikanische Raketenstationierung und für eine Friedenspolitik zwischen den Machtblöcken. Willy Brandt stellt sich vor die Friedensbewegung. In seiner Rede vor Hunderttausenden von Menschen im Bonner Hofgarten spricht er sich gegen die Nachrüstung aus. Zugleich bekennt er sich zur NATO-Zugehörigkeit der Bundesrepublik und zur Bundeswehr.
Auf internationaler Ebene entwickelt Willy Brandt eine Vielzahl von Initiativen, um noch in letzter Sekunde Bewegung in die Abrüstungsfrage zu bringen. Seine Bemühungen bleiben erfolglos. Die Genfer Abrüstungsverhandlungen scheitern. Der Deutsche Bundestag billigt im November 1983 mit knapper Mehrheit die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen auf Bundesgebiet. Die ersten Raketen treffen im Dezember 1983 auf westdeutschem Boden ein.
Im gleichen Jahr heiratet Willy Brandt die aus Bremen stammende Historikerin und SPD-Journalistin Brigitte Seebacher. 1979 hatte er sich von seiner Frau Rut getrennt.
Ergebnisse der Bundestagswahl 1980
Ergebnisse der Bundestagswahl 1983
(Statistisches Bundesamt)