Willy-Brandt-Biografie
März 1959

Treffen mit Chruschtschow

Die Existenz West-Berlins als Vorposten der westlichen Welt ist den kommunistischen Machthabern im Osten ein ständiges Ärgernis. Die Sektorengrenze in der Vier-Mächte-Stadt ist noch offen und Hunderttausende Deutsche in der DDR nutzen diese Fluchtmöglichkeit nach Westen.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr von einer vierwöchigen Weltreise erhält Brandt am 9. März 1959 eine Einladung zu einem persönlichen Austausch mit Chruschtschow, der am folgenden Tag in der sowjetischen Botschaft Unter den Linden in Ost-Berlin stattfinden soll. Die Sowjets reagieren damit auf eine Äußerung Bruno Kreiskys, der Staatssekretär im Wiener Außenministerium und langjähriger Freund Willy Brandts ist.

Brandt selbst ist unschlüssig, ob er die Offerte annehmen soll. Es gilt einiges zu bedenken: Am selben Tag hat ein Gespräch des SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer mit Chruschtschow stattgefunden, das ohne Annäherung endete. Außerdem ist das sowjetische Berlin-Ultimatum von November 1958 bislang nicht zurückgenommen worden. Grundsätzliches kommt hinzu: Der Regierende Bürgermeister muss die oberste Zuständigkeit der Vier Mächte für Berlin berücksichtigen und er darf die Bindungen West-Berlins an die Bundesrepublik nicht gefährden.

Bevor er in eine Begegnung mit dem sowjetischen Regierungschef einwilligt, will Brandt sich deshalb der Zustimmung der Bundesregierung und der Westalliierten versichern. Sonst könnte das Treffen so ausgelegt werden, dass West-Berlin eine eigenständige Außenpolitik betreiben und somit - wie von der Sowjetunion und der DDR stets behauptet - eine „eigenständige politische Einheit“ bilden würde.

Die Anfragen in Bonn und bei den Verbündeten ergeben aber ein zwiespältiges Bild: Die Bundesregierung hält eine Unterredung des Regierenden Bürgermeister mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten „nicht für inopportun". Hingegen spricht sich der amerikanische Gesandte in Berlin in harschen Worten gegen das Treffen aus. Daraufhin lässt Willy Brandt der sowjetischen Seite mitteilen, er lehne die Einladung ab.



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