Willy-Brandt-Biografie
Januar 1990

Wiedervereinigung

Willy Brandt ist dankbar, dass er den Fall der Berliner Mauer im Alter von 76 Jahren noch miterlebt. Die unmenschliche Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland ist gefallen. Für ihn ist eines seiner wichtigsten politischen Ziele verwirklicht.

Im In- und Ausland wird anerkannt, dass Brandts Ost- und Deutschlandpolitik, für die er als Außenminister und Bundeskanzler eingetreten ist, den Weg zur Entspannung in Europa geebnet hat. Im "gemeinsamen Haus Europa" (Gorbatschow) ist dadurch langfristig eine Atmosphäre geschaffen worden, die die demokratischen Umbrüche in den Staaten des Ostblocks erst ermöglicht hat. Diese Veränderungen sind die Voraussetzung für den Fall der Mauer gewesen.

 
 ©William Mikkelsen

Die deutsche Einheit zeichnet sich als greifbare Realität ab. Sie bedarf der Zustimmung der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges. Willy Brandt ist zuversichtlich, dass die USA, die UdSSR, Großbritannien und Frankreich ihre Zustimmung geben werden, denn "auch eine noch so große Schuld einer Nation" könne nicht durch eine "zeitlos verordnete Spaltung" getilgt werden.

Als großer Unsicherheitsfaktor gilt die Zustimmung der Sowjetunion. Sie hat - neben Polen - am stärksten unter dem durch Hitler-Deutschland entfesselten Krieg leiden müssen. Brandt verbindet ein freundschaftliches Verhältnis zu Generalsekretär Gorbatschow. In einem Briefaustausch erörtern die beiden Politiker Wege zur Verwirklichung der deutschen Einheit. Brandt und Gorbatschow stimmen darin überein, dass ein vereinigtes Deutschland weder die Sicherheit der Sowjetunion noch Frieden und Stabilität in Europa gefährden darf.

Im Vereinigungsprozess wird Willy Brandt zu einer Integrationsfigur für die Menschen in ganz Deutschland. Brandt vermittelt den Bürgern der DDR das Gefühl, daß es bei der angestrebten Vereinigung mehr als nur um einen "Anschluß" an die Bundesrepublik geht. Die Menschen aus beiden Teilen Deutschlands - so die Forderung Brandts - sollen einen "gleichberechtigten Platz" im wiedervereinigten deutschen Staat einnehmen. Deutsche von "hüben wie drüben" sollen ihre Erfahrungen austauschen und daraus Nutzen ziehen.

Noch in der Illegalität entsteht 1989 unter dem Kürzel SDP eine sozialdemokratische Partei in der DDR. Brandt wird rasch zum Mentor der jungen Partei, die sich Anfang 1990 in SPD umbenennt. Auf dem ersten ordentlichen Parteitag der SPD in der DDR wird Willy Brandt am 24. Februar 1990 zum Ehrenvorsitzenden gewählt.

Im März 1990 finden in der DDR die ersten freien Wahlen zur Volkskammer statt. Aus ihnen geht die "Allianz für Deutschland" unter Führung der CDU als Siegerin hervor. Die Allianz fordert einen raschen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes und die sofortige Einführung der sozialen Marktwirtschaft in Ostdeutschland. Die SPD tritt dagegen dafür ein, zunächst durch Vertreter aus West- und Ostdeutschland eine Verfassung ausarbeiten zu lassen, die Grundlage der Vereinigung sein soll.

Willy Brandt ist über das schlechte Abschneiden der SPD bei den Wahlen zur DDR-Volkskammer enttäuscht. Nach Meinung Brandts hat sich die SPD eine Teilschuld für die Niederlage selbst zuzuschreiben: Die Partei habe - wie Brandt auf einer Sitzung des Parteivorstandes ausführt - den Zeitpunkt für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu spät angesetzt. Die Allianz hingegen sei - "ohne drum und dran" - für die staatliche Einheit und die schnelle Wirtschafts- und Währungsunion mit der Bundesrepublik Deutschland eingetreten. Ein Grund für den Erfolg der Allianz - vermutet Brandt - habe jedoch auch darin gelegen, dass viele DDR-Bürger das Gefühl gehabt hätten, "Bonn-konform" - d. h. zugunsten der Partei von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) - wählen zu müssen, um das dringend benötigte "Geld aus Bonn" zu erhalten.

Dies wirkt sich auch bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember 1990 aus: Die SPD ist seit dem Regierungswechsel 1982 auf dem Tiefpunkt in der Wählergunst angelangt.

Ergebnisse der Bundestagswahl 1990
(Statistisches Bundesamt)



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