Willy-Brandt-Biografie
Hintergrund
Oktober 1957

Wirtschaftswunder und Ära Adenauer

Das deutsche Volk steht am Ende des Zweiten Weltkrieges vor der gewaltigen Aufgabe, unübersehbare Kriegsschäden zu beseitigen, mehr als 10 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene zu integrieren und die am Boden liegende Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Westdeutschland wird - wie auch die anderen Länder Westeuropas - hierbei kräftig durch die USA unterstützt, die im Jahre 1947 ein Wiederaufbauprogramm für Europa (Marshall-Plan) beschließen.  
 
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Durch die westdeutsche Währungsreform im Juni 1948 wird die wertlos gewordene Reichsmark durch die Deutsche Mark (DM) ersetzt. Maßnahmen, durch die in die Wirtschaft eingegriffen wird, wie "Zwangsbewirtschaftung" und "Preisbindungen", werden aufgehoben. Damit werden die Voraussetzungen für die angestrebte freie Entfaltung der dynamischen Kräfte der Marktwirtschaft und für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Bundesrepublik Deutschland geschaffen.
 
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Schon im Jahre 1948 erläutert der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard sein Konzept einer "sozialen Marktwirtschaft". Es sieht für Westdeutschland eine Wirtschafts- und Sozialordnung vor, in der die wirtschaftlichen Freiheiten des einzelnen und der Unternehmen grundsätzlich unangetastet bleiben sollen. Der Staat soll lediglich Regulierungs- und Kontrollfunktionen übernehmen, um ein Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit zu gewährleisten, wirtschaftlichen Machtmissbrauch zu verhindern und den freien Wettbewerb zu schützen. Dadurch soll "Wohlstand für alle" - so der Titel eines Buches von Ludwig Erhard, das in dieser Zeit große Beachtung findet - verwirklicht werden. Die "soziale Marktwirtschaft" in der Bundesrepublik Deutschland wird bald zu einem Erfolgsmodell, das für viele Länder zum Vorbild wird.

Mitte der fünfizger Jahre nimmt der Wohlstand der Bevölkerung spürbar zu. Die Menschen im In- und Ausland sprechen von einem "Wirtschaftswunder", das ohne die Starthilfe des Marshall-Plans, ohne die Chance, zerstörte Produktionsanlagen nach dem neuesten Stand der Technik wiedererrichten zu können, und ohne den großen Arbeitswillen der Bevölkerung nicht möglich gewesen wäre. Begünstigt wird diese wirtschaftliche Entwicklung durch steuerpolitische Investitionsanreize für die Unternehmen und ein qualifiziertes Arbeitskräftepotential, das bis 1961 (Bau der Berliner Mauer) laufend durch DDR-Flüchtlinge verstärkt wird.

Auf die Arbeitslosigkeit der Nachkriegsjahre folgt eine wirtschaftliche Ära der "Vollbeschäftigung", schließlich sogar der "Überbeschäftigung". Seit den sechziger Jahren werden ausländische Arbeitnehmer ("Gastarbeiter") in ihren Heimatländern angeworben, um den großen Bedarf an Arbeitskräften im Inland decken zu können.

Die Menschen, die über Jahre große Entbehrungen haben hinnehmen müssen, sehen sich völlig neuen Möglichkeiten der Lebensgestaltung gegenüber. Der "Fresswelle" folgt die "Reisewelle". Vor allem Italien ist in den fünfziger Jahren Traumreiseziel der Westdeutschen. Zugleich wird manches Konsumgut - wie Waschmaschine und Fernsehgerät -, das bislang noch als Luxus galt, in den Haushalten zur Selbstverständlichkeit. Die Anzahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge auf den Straßen der Bundesrepublik verdoppelt sich zwischen 1954 und 1957 auf mehr als fünf Millionen.

Ergebnisse der Bundestagswahl 1957
(Statistisches Bundesamt)



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